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Leben auf der Warteliste

Kevin Kerrutt war 19 Jahre alt, als sein wichtigstes Organ den Dienst versagte. Seitdem lebt der heute 23-Jährige mit einem künstlichen Herz.

Von Insa van den Berg

Vielleicht ein bisschen viel gefeiert in der letzten Zeit? Kevin Kerrutt keucht die Treppe hinauf. Er ist 19 Jahre alt und durchtrainiert. Mal abklären lassen, denkt der Sozialassistent in Ausbildung. Als der Arzt ihm sagt, sein Herz sei doppelt so groß wie normal, nimmt Kevin das nicht so richtig ernst. Medikamente, Kur, dann wird das schon wieder. Er ist ja kein alter Mann.

Kurz vor der Abreise zur Kur übergibt Kevin sich eine ganze Nacht lang. Und dann wird alles auf einmal doch ziemlich ernst, ohne dass er mit dem Denken und Fühlen hinterherkommen kann. Mit dem Helikopter in die Klinik, Intensivstation, aufgeregte Ärzte, und dann die Nachricht wie ein Vorschlaghammer: Du brauchst ein neues Herz, Kevin.

„Da habe ich gelacht“, sagt Kevin Kerrutt heute, vier Jahre später. „Ich hab’ gesagt, ich habe keine Zeit für so‘nen Mist.“ Ausbildung, Freunde, Hobbys, Spaß – das ist wichtig für ihn. Statt sein jugendliches Leben zu leben, liegt er in einem Krankenhausbett und hört zum ersten Mal von Organtransplantationen und Herzunterstützungssystemen. Wenn er weiterleben will, braucht Kevin Kerrutt ein Spenderherz oder zumindest, weil Spenderorgane Mangelware sind, ein künstliches Herz. Eine Maschine, die das Blut durch seinen Körper pumpt, weil seine eigene Pumpe es nicht mehr allein schafft.

„Ein solcher Kunstherzpatient ist im Durchschnitt 53 Jahre alt. Aber wir haben hier auch Kleinkinder“, sagt Dr. Jochen Hahn, Herzchirurg am Herzzentrum Leipzig. „Im Prinzip kann es jeden treffen.“
Eine Woche lange spricht Kevin nicht, mit den Ärzten nicht, mit seinem Vater nicht, auch mit der Freundin kein Wort. „Ich war traurig, wütend. Ich konnte das nicht begreifen.“ Radfahren, Schwimmen, Fußball: Alles, was vorher sein Leben ausgemacht hat, gehört nun der Vergangenheit an. Seine Zukunft – ungewiss. Der schlanke Mann wird hager.

Kevin Kerrutt aus dem Vogtland steht im Herbst 2010 auf der Liste der hochdringlich zu transplantierenden Patienten. Das heißt, sollte es ein für ihn passendes Spenderherz geben, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es Kevin transplantiert wird.

In Deutschland hoffen nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation derzeit 11.000 Menschen auf ein Spenderorgan. Wer wann eines bekommt, regelt ein fester Katalog von Kriterien: Wartezeit, Dringlichkeit, Gewebemerkmale. Aber nicht alle Patienten, die ein neues Organ brauchen, werden auch auf eine Warteliste aufgenommen. Sind die Erfolgsaussichten zu gering, wird nicht transplantiert. Für ältere Herzpatienten kann dann ein solches Kunstherz eine dauerhafte Lösung sein. Aber auch dabei treffen die Ärzte Einzelfallentscheidungen. „Wenn jemand achtzig Jahre alt ist, dann wird er auch durch ein künstliches Herz nicht mehr zum Zwanzigjährigen“, sagt Herzchirurg Hahn. „Ein solches Herzunterstützungssystem erfordert vom Patienten genauso viel Engagement wie bei einem transplantierten Herzen. Auch ein Kunstherz-Patient muss Lebenswillen beweisen und die Bereitschaft, sich auf die neuen Umstände einzustellen.“

Kevin Kerrutt wird durch den fast familiären Zusammenhalt im Krankenhaus aus seinem Schneckenhaus zurückgeholt. Dann auf einmal geht es ihm körperlich immer schlechter. Er kann nicht mehr allein laufen. Warten auf ein echtes Herz unter diesen Umständen? Lebensbedrohlich. „Da habe ich gebettelt, jetzt gebt mir endlich so ein Kunstherz.“

Ein künstliches Herz ist ungefähr handtellergroß, eine Pumpe, die in die Herzspitze eingesetzt wird und pro Minute fünf Liter Blut in Bewegung bringt. Das reicht, um den Körper komplett zu versorgen. Dieses Gerät braucht Strom. Also wird ein Kabel am Bauch nach außen gelegt, an dem die Akkus hängen. Die trägt der Patient dann in einer Tasche mit sich herum. Alle zehn Stunden müssen die Akkus gewechselt und aufgeladen werden.

Auch Kevin Kerrutt trägt jetzt seit vier Jahren eine solche Tasche. Immer. „Ich hasse diese Tasche“, sagt der inzwischen 23-Jährige und spottet: „Aber ich häng’ halt dran.“ Zu Beginn ist er noch ohne Ersatz-Akkus losgezogen. „Als es anfing zu piepsen, bin ich ganz schön nervös geworden, bin nach Hause gerast. Jetzt habe ich immer Ersatz dabei.“ Denn Kevin Kerrutt hat wieder angefangen, Sachen zu unternehmen, die ihm Spaß machen. Mit den Hunden rausgehen, große Autos fahren. Seine Freundin und er wohnen seit August in Nordsachsen zusammen. Und der 23-Jährige hat endlich Arbeit gefunden, die er bewältigen kann. Drei Stunden täglich in der Verwaltung. Ab Januar sollen es täglich sechs Stunden werden, strahlt er.

Ein normales Leben? Nein, das ist es nicht, sagt Kevin Kerrutt. Er hofft weiter auf ein Spenderherz. Aber die Wahrscheinlichkeit darauf hat abgenommen, seitdem er mit einem künstlichen Herz versorgt worden ist. „Mir geht es für einen aussichtsreichen Platz auf der Liste einfach zu gut“, sagt er.

Das meint auch Jochen Hahn vom Herzzentrum Leipzig. „Den Patienten darf es gesundheitlich nicht zu gut, aber auch nicht zu schlecht gehen, um transplantiert zu werden. Kevin kriegt erst ein Herz, wenn er zum Beispiel einen Schlaganfall hat mit einer halbseitigen Lähmung. Dann hätte er zwar wieder Anspruch, aber auch die Ausfallerscheinungen. Das ist krude. Wir müssen uns mit diesem Vergabesystem auseinandersetzen.“

Märkische Allgemeine Zeitung, 13. Januar 2015


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