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Im Teufelskreis verheerender Beziehungen

Die Frau, die geschlagen wird, und trotzdem bleibt. Der Mann, der regelmäßig beschimpft wird, und alles entschuldigt: Warum der Ausbruch aus krankmachenden Partnerschaften so schwer ist.

Von Insa van den Berg

Die Augen. Fast immer sind es die Augen gewesen. Auch bei Jens. Und seine Klugheit, seine Disziplin. „Ich war fasziniert von seinem Charisma“, sagt Sabrina, die schon einige Male in verheerende Partnerschaften geraten ist. „Irgendwie hatte ich immer Beziehungen, wo ich eins in die Fresse bekommen habe“, erzählt sie und entschuldigt sich dann, fast erschrocken, für das derbe Vokabular. Doch es drückt nur deutlich aus, was sie an Grausamem erlebt hat in drei Jahrzehnten Lebenszeit.

Vor mehr als zehn Jahren lernt die damalige Assistentin der Geschäftsführung einer Firma den selbstbewussten, willensstarken Jens im Urlaub kennen. Sie verlieben sich Hals über Kopf ineinander. Weil sie rund 400 Kilometer voneinander entfernt wohnen, fährt Sabrina an jedem freien Tag zu ihm, lebt dann in seiner Wohnung – und vor allem unter seiner Kontrolle. Einen Schlüssel bekommt sie nicht, weil es angeblich keinen weiteren gibt. Das nervt sie, aber sie glaubt ihm. Schlimmer ist es mit dem Hunger: „Weil er so sportlich ist, achtet er enorm auf seine Ernährung. Und da habe ich dann auch nichts anderes oder mehr essen dürfen.“ Außerdem ist Jens extrem eifersüchtig. Dass er ihr Affären unterstellt, sie als „Schlampe“ beschimpft, belastet sie besonders. Wenn sie arbeiten muss, telefoniert er ihr hinterher. Im Minutentakt. Er ruft sogar bei Firmenkunden an. „Das hat mich meinen Job gekostet“, sagt Sabrina.

Trennen mag Sabrina sich trotzdem nicht. Denn Jens droht mit Selbstmord, falls sie ihn verlassen sollte. Das provoziert Schuldgefühle bei ihr. Also duldet sie auch die körperlichen Schläge, die folgen.

Sabrina ist einem Menschen treu, der sie demütigt. Sie wird krank, entwickelt Essstörungen und Verfolgungswahn. Sie hat Nervenzusammenbrüche. Psychologen sprechen von einer dissoziativen Traumafolgestörung. Dissoziation – das ist grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Wir alle kennen sie als Alltags-Trance, wenn man sich beispielsweise während einer langweiligen Konferenz geistig ausklinkt und stattdessen anfängt, darüber nachzudenken, was man zu Abend essen soll. Solches Abschalten dient dazu, die Reizüberflutung im täglichen Leben zu meistern. Und das ist in Ordnung, wenn diese Dissoziation bewusst gesteuert werden kann. Als dissoziative Störung, als Krankheit, gilt es erst, wenn das nicht mehr funktioniert; wenn Patienten also nicht-willentlich in einen dissoziativen Zustand geraten.

Wie viele Menschen mit so einer dissoziativen Störung leben, darüber gibt es widersprüchliche Angaben. Das liegt daran, dass das Krankheitsbild schwer zu umreißen ist. So kann die dissoziative Störung laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterschiedliche Ausprägungen haben. Patienten spüren ihren Körper nicht mehr; sie schauen auf die eigenen Hände, ohne zu wissen, wem diese gehören; ihnen kommt der Raum, in dem sie sich befinden, auf einmal fremd vor; sie können sich an bestimmte Erlebnisse nicht mehr erinnern. So ist es auch Sabrina ergangen. Im fortgeschrittenen Stadium entwickeln Patienten dann sogar mehrere Persönlichkeiten.

Hervorgerufen werden solche dissoziativen Störungen durch Traumata, Situationen unter enormem Stress, also zum Beispiel durch Vergewaltigungen, Schläge, durch emotionale Gewalt im Kindesalter. Solche Traumata können dazu führen, dass Frauenmit alkoholabhängigem Vater eine Beziehung zu einem alkoholkranken Mann eingehen. Oder dass Männer eine dominante Partnerin an ihrer Seite haben, weil schon ihre Mutter klar das Sagen hatte.

„Hinter diesen Beziehungen steckt oft die Sehnsucht nach dem, was einem als Kind vorenthalten wurde“, sagt der Psychiater und Psychotherapeut Jochen Peichl aus Nürnberg. Wenn es an Fürsorge gemangelt hat, müsse das aber nicht heißen, dass Betroffene sich einen besonders treusorgenden Partner suchen. „Im Gegenteil, sehr liebevolle Menschen werden von ihnen manchmal als Waschlappen wahrgenommen.“ Vielmehr würden Partner ausgewählt, bei denen die alten Muster wiedererkannt werden. Muster, die vertraut sind – auch wenn sie noch so herabwürdigend sind. Sie vermitteln vermeintliche Sicherheit.

Bindungsforscher sagen: Durch die Prägung in den ersten Lebensjahren lernen Kleinkinder, was für sie gut und schlecht ist. Unter dem Einfluss von Gewalt – körperlicher wie seelischer – verstärkt sich dieses Verinnerlichen.

Sabrina ist ohne Vater aufgewachsen. Ihre Mutter hatte viele Männer und kurze, stets heftige Beziehungen. Wenn diese scheiterten, war das in den Augen von Sabrinas Mutter stets die Schuld des kleinen Mädchens. Dann würdigte sie die Tochter oft lange keines Blickes. Diese Schuldgefühle und die Angst vor Verlust hat Sabrina verinnerlicht. Wenn ihr Vorwürfe gemacht wurden, glaubte sie grundsätzlich an deren Berechtigung und hatte sofort Angst, den Menschen zu verlieren. „Die totale Ignoranz – wie früher als Kind durch meine Mutter –, das ist für mich die schlimmste Strafe“, sagt sie heute, da sie gelernt hat, ihr früheres dissoziatives Verhalten zu reflektieren.

Abhängig von den Launen ihrer Mutter ist Sabrina groß geworden. So gehörten für sie auch Missachtung und Anschuldigungen in Paarbeziehungen dazu. „Ein solches Leben ist für mich normal gewesen“, sagt sie. „Die Prägung durch meine hochgradig gestörte Mutter hat verursacht, dass ich falsche Werte abgespeichert und diese als Idealbild im Leben genutzt habe.“ Jemand, der von Kindesbeinen an gelernt habe, wie eine gesunde, stabile Beziehung aussehe, der erkenne hingegen bereits in der Kennenlernphase den Psychopathen im potenziellen Partner.

Anders Sabrina früher: Wenn Freunde sie damals darauf aufmerksam machten, dass Jens sie schlecht behandele, ging sie sofort in die Verteidigungshaltung. Immer wieder. Den Absprung aus dieser Chaosbeziehung schaffte sie dann sehr spontan. Bei einem Besuch seiner Mutter kehrte sie kurz ans Auto zurück, um etwas zu holen. Da packte sie die Erkenntnis: „Wenn du jetzt nicht fährst, dann stirbst du.“ Sie setzte sich ins Auto und, zurück zu Hause, wies sie sich selbst direkt in die Psychiatrie ein, mit der Hoffnung, dort sicher zu sein. Drei Monate verbrachte sie dort, die ihr therapeutisch nichts brachten, meint sie im Nachhinein.

Inzwischen aber steht Sabrina vor einem Neuanfang: neue Stadt, neuer Job. Das verdanke sie einer zweijährigen tiefenpsychologisch fundierten Therapie. „Mit Medikamenten und Verhaltenstherapie ist nur an der Oberfläche gekratzt worden. Die tatsächlichen Ursachen für mein Problem sind nicht aufgedeckt worden“, sagt sie.

Ralf Vogt, psychologischer Psychotherapeut aus Leipzig, erklärt: „Bisher hat man gemeint, die Behandlung funktioniere über die Einsicht des Patienten, die Situation ändern zu wollen.“ Also wurde eine Verhaltenstherapie empfohlen oder eine Psychoanalyse. Das sei wenig erfolgreich, sagen Trauma-Forscher wie Ralf Vogt, weil es ein nicht bewusstseinsfähiges Gedächtnis gebe, das man über den Verstand nicht erreichen könne. Sie empfehlen deshalb Einzel- und Gruppentherapie und besondere Methoden, die dieses Unbewusstsein ansprechen.

Sabrina scheint mit Hilfe der tiefenpsychologisch fundierten Therapie ihren Weg gefunden zu haben. Sie will aufmerksam darauf machen, dass es doch Hilfe aus dem Teufelskreis gibt. Wenn sie nun jemanden kennenlernt, dann schaue sie ganz genau hin: „Ich erkenne bald, was mir nicht gut tut. Heute weiß ich, dass ich mein Gegenüber nicht ändern kann. Nur mich selbst.“

Berliner Zeitung, 1./2. August 2015


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