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Die Angst vor einem tödlichen Tumor

Fast jeder Zweite wird im Verlauf seines Lebens an Krebs erkranken: 51 Prozent der Männer und 43 Prozent der Frauen. Das zeigen aktuelle Berechnungen des Robert-Koch-Instituts. Welche Ängste begleiten die Diagnose?

Von Insa van den Berg

Es ist nicht so, dass sie nicht vorbereitet gewesen wäre.
Ihre Mutter hatte Brustkrebs, eine der häufigsten Krebsarten. Deshalb geht Ingrid Hager regelmäßig zur Vorsorge. Und plötzlich ist da auch bei ihr dieser Knoten. Eine Operation und Bestrahlung folgen. Ingrid Hager ist zum Zeitpunkt der Diagnose 50 Jahre alt, verheiratet, Mutter, arbeitet bei der Post. „Alles hat funktioniert.“ Und auf einmal nichts mehr.

Diesen Schockmoment kennen die meisten der derzeit rund vier Millionen Menschen in Deutschland, die schon einmal an Krebs erkrankt waren. Denn für viele gilt Krebs immer noch als unausweichlich tödlich. Aber: Die Überlebensaussichten in Deutschland haben sich in den letzten 30 Jahren deutlich verbessert. Während hier jährlich etwa eine halbe Million die Diagnose „Krebs“ bekommen, sterben daran pro Jahr 220.000 Menschen. Das Robert-Koch-Institut, die zentrale Gesundheitsforschungseinrichtung der Bundesrepublik Deutschland, belegt: Die Heilungschancen bei Brust-, Hoden- oder Schilddrüsenkrebs sind gut.

Im Rückblick auf die Zeit nach dem ärztlichen Befund sagt Ingrid Hager: „Ich habe mich wie tot gefühlt.“ Keine Träume mehr, das ganze Leben farblos. Keine Motivation. 14 Jahre später, heute, sprüht sie vor Energie.

Verzweiflung und Angst vor dem Tod sind typische erste Reaktionen auf die Krebsdiagnose. Betroffene stellen Fragen wie: Wer kümmert sich um mich? Wie halte ich die Schmerzen aus? Aber auch: Trage ich selbst die Verantwortung?
Schuldgefühle beobachten Psychologen, die Krebspatienten betreuen – sogenannte Psychoonkologen – immer wieder. Man muss aber nichts falsch gemacht haben, um an Krebs zu erkranken. Es gibt zwar bestimmte Risikofaktoren, die es wahrscheinlicher werden lassen, an Krebs zu erkranken. Laut der Deutschen Krebshilfe zählen dazu eine unausgewogene Ernährung, zu wenig Bewegung, Rauchen, ein hoher Alkoholkonsum und zu viel UV-Strahlung. Dass die Zahl der Krebserkrankungen steigt, liegt aber vor allem daran, dass die Bevölkerung immer älter wird und damit die Anfälligkeit steigt.
Welche Rolle Stress beim Entstehen von Krebs spielt, sei noch ungeklärt, sagt der Psychoonkologe Joachim Weis vom Universitätsklinikum Freiburg und Experte im Programm „Nationaler Krebsplan“ des Bundesministeriums für Gesundheit. Klar sei: „Es gibt keine Krebspersönlichkeit.“ Jemand, der alle Sorgen in sich hineinfrisst, bekomme nicht automatisch Krebs.

Bestimmte Ängste tauchen auf, wenn Patienten nach der Behandlung in der Klinik wieder in den Alltag finden wollen: Jobverlust, Probleme in der Partnerschaft und die Furcht, es könne wieder ein bösartiger Tumor wachsen. Etwa ein Drittel der Krebspatienten leidet unter psychischen Folgestörungen wie Depressionen.

Ingrid Hager merkte, dass viele Freunde und Angehörige ihre Sorgen nicht verstehen konnten. Sie besuchte ein Treffen der Leipziger Gruppe des Vereins „Frauenselbsthilfe nach Krebs“. Der Austausch und das Verständnis dort taten ihr gut. Als sie 2007 die Leitung der Gruppe übernehmen sollte, fühlte sie sich erst überfordert und spürte dann: „Das ist genau mein Ding.“ Seit 2016 ist sie Landesvorsitzende. Die neue Aufgabe gibt ihr Auftrieb. Einen weiteren Tumor hat es bei ihr nicht gegeben.

Gespräche und sinnstiftende Hobbies können hilfreich sein, um etwas gegen die psychischen Begleiterscheinungen einer Krebserkrankung zu tun, sagt der Tübinger Diplom-Psychologe Martin Wickert. Der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft für ambulante psychosoziale Krebsberatung weiß: „Ablenkung hingegen hilft nur bedingt. Im Gegenteil: Oftmals plagen die Betroffenen dann Alpträume.“

Die Gefühle und Sorgen nach außen bringen: Das hält auch Ingrid Hager für sinnvoll. „Es sagen oder aufschreiben.“ So ist aus der einstmals stillen Frau ein Mensch geworden, der sich für andere öffnet. „Durch den Krebs hatte ich die Chance, mein Leben zu verändern. Das war kein leichter Weg. Aber während ich früher nur funktioniert habe, lebe ich jetzt.“

 

Nachrichtenagentur epd –
Zentralausgabe, 31. Januar 2017

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