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Gewalt gegen Gläubige in Sachsen – Bei Zeitzeugen werden Erinnerungen an die Pogromnacht vom 9. November 1938 wach

Brennende Synagogen und Geschäfte: Am 9. November wird der Opfer der Pogromnacht von 1938 gedacht – auch in Sachsen. Wie judenfeindlich ist heute das Land, das wegen Gewalt gegen Flüchtlinge und Muslime ständig in die Schlagzeilen gerät?

Von Insa van den Berg

Es brennt. Schaulustige sammeln sich vor der Feierhalle auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in Leipzig. Sie starren auf das Feuer, das in den Nebengebäuden wütet. Sie zucken mit den Schultern, drehen sich weg. „Ist doch nicht unser Haus.“ Dieser Satz hämmert in Anneliese Schellenbergers Kopf und Herz. „Dass ich mich heute noch daran erinnern kann, fast 80 Jahre später… Das zeigt doch, wie mich das schockiert hat.“ Die Leipzigerin war neun Jahre alt, als die Nationalsozialisten in der Pogromnacht am 9. November 1938 wüteten.

An rund 50 Orten in Sachsen wurden Synagogen, Geschäfte und Wohnungen zerstört. Hunderte Juden wurden in Konzentrationslager verschleppt. Etwa 23.000 Juden lebten damals in Sachsen, weniger als ein halbes Prozent der Bevölkerung.
Heute sind es in Sachsen mit seinen gut vier Millionen Einwohnern rund 2.500 Menschen jüdischen Glaubens. In den letzten beiden Jahren gab es laut Landeskriminalamt Sachsen jeweils rund 100 antisemitisch motivierte Straftaten. 2016 sind die Übergriffe nicht abgerissen: Beleidigungen, Bedrohungen, Sachbeschädigungen. Darauf haben nach Ansicht von Experten Bewegungen wie die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“, kurz Pegida, Einfluss.

Miki Hermer von der Amadeu-Antonio-Stiftung, die Initiativen gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus fördert, sagt: „Äußerungen gegenüber Minderheiten sind wieder gesellschaftsfähig geworden.“ Der Antisemitismus sei zwar immer dagewesen. Derzeit könne man ihn aber besser erkennen, weil er öffentlich geäußert wird. Dabei werden uralte Klischees bedient, wie jenes des vermeintlich reichen und mächtigen Juden. „Gerade in Sachsen scheinen mir Weltverschwörungstheorien hoch im Kurs“, sagt Hermer.

Einige Pegida-Anhänger hätten andererseits versucht, sich mit ihnen zu verbünden, erzählt Nora Goldenbogen, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Dresden. „Wir sind aufgefordert worden, mit auf die Straße zu gehen. Muslime seien doch auch unsere Feinde.“ Viele der Gläubigen in Dresden sind zugewandert. Sie bemerken die wachsende Wut auf Fremde im Allgemeinen. Wegen ihres als anders wahrgenommenen Äußeren würden sie angefeindet - nicht unbedingt deshalb, weil sie Juden seien. „Meiner Meinung nach sind Muslime die neue Hassfigur“, sagt Goldenbogen.

Tatsächlich hat die Gewalt gegen Muslime in Sachsen stark zugenommen. Nach Angaben der Opferberatung der Regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie Sachsen ist die Zahl rassistischer Übergriffe 2015 im Vergleich zum Vorjahr um knapp 86 Prozent angestiegen, auf insgesamt 477. Betroffen seien vor allem Asylsuchende, mutmaßlich Anhänger des Islam.
In der Ablehnung von Judentum und Islam fällt gleichermaßen auf, dass viele Sachsen weder Juden noch Muslime persönlich kennen – weil verhältnismäßig wenige dort leben. Das zeigt die Forschung des Politikwissenschaftlers Maik Herold von der Technischen Universität Dresden. „Es gibt aber starke inhaltliche Unterschiede. Bei den Islamfeinden gibt es ein verzerrtes Bild davon, wie diese Religiosität gelebt wird und welchen Stellenwert sie zu haben scheint.“ Eine verbreitete Ansicht sei zum Beispiel, dass der Islam bei Muslimen einen höheren Stellenwert habe als das Grundgesetz.

Grit Hanneforth, Geschäftsführerin des Kulturbüros Sachsen, glaubt, dass es diese mit Religion verbundenen Vorurteile sind, der Menschen als fremd etikettiert – nicht der Glaube an sich. Der Verein berät seit 15 Jahren Politik, Verbände und Initiativen im Freistaat mit dem Ziel, Rechtsextremismus zu begegnen. „Der Antisemitismus wird in Sachsen zurzeit überlagert von der Angst vor dem Islam. Das eine Ressentiment löst das andere aber nicht ab.“

Wenn die 87-jährige Anneliese Schellenberger Pegida aufmarschieren sieht, wird der Zeitzeugin ganz anders. „Früher haben die ja Uniformen gehabt, aber diese Art und Weise ist ähnlich. Die aggressiven Sprüche lassen nichts Gutes ahnen.“

Nachrichtenagentur epd - Zentralausgabe, 7. November 2016

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